Warum die Entscheidung von Peugeot, ihr Langstrecken-Engagement einzustellen, nicht nur eine Blamage für den Motorsport, sondern eine Niederlage für den Umweltschutz ist.
Als Motorsportjournalist hat man’s schwer. Der Neid der anderen, sein Geld für das Allernotwendigste (Benzin, Lesestoff, Hundefutter) mit dem Schreiben über das Schöne und Schnelle zu verdienen, ist an sich ja klass. “Mitleid kommt von allein, Neid muss man sich verdienen”, sagte schon mein Vater. Immer öfter jedoch mischt sich zur ehrlichen Bewunderung, das tun zu können, was immer schon den Herzschlag beschleunigt hat, das aufreibende Nebengeräusch inhaltlicher Kritik. Durch den Luftfilter der Objektivität, der all dem Jaulen und Raunzen dieses Meinungs-Gegenverkehrs die warme Luft entzieht, lässt sich folgende, ernstzunehmende Frage destillieren:
Ist Motorsport in Zeiten des nachgewiesenen Klimawandels überhaupt noch moralisch vertretbar?
Meine Antwort darauf ist ein hochtouriges und vom Kick-Down der Überzeugung getragenes JA! Mehr noch: Noch nie in der mehr als 125-jährigen Geschichte seit der Erfindung des Automobils machte das Gegeneinanderimkreisfahren mehr Sinn als 2012. Die Gründe dafür sind schnell erzählt.
Noch immer (und als eine der letzten Nischen) bedient der Motorsport gleich eine ganze Familienpackung jener Grundbedürfnisse, die die Menschheit seit jeher weiter gebracht haben. Geschwindigkeit. Fortschritt. Wettkampf – um nur einige zu nennen. Nirgendwo sonst wird die Philosophie des “höher, schneller, weiter” noch so unmittelbar gelebt wie auf der Rennstrecke. Das ist aus gleich mehreren Gründen erstrebenswert.
Motorsport retten Menschenleben. Der vergleichsweise winzigen (und natürlich trotzdem viel zu hohen und bedauerlichen) Zahl jener, die beim Motorsport den Tod fanden, steht eine regelrechte Armada gegenüber, die im öffentlichen Straßenverkehr ums Leben kam. Wenngleich spektakuläre Live-Bilder und Slow-Motion-Aufnahmen umherfliegender Fetzen das Gegenteil suggestieren, ist es doch vielfach gefährlicher, als durchschnittlich begabter Autofahrer mit dem eigenen Auto zur Arbeit zu fahren, als an einem Rundstreckenrennen teilzunehmen. Würden beispielsweise nur jeder testosterongesteuerte 17-jährigen Führerschein-Frischlinge seine Mutprobe anstatt auf der Bundesstraße zwischen weitläufigen Auslaufzonen ausleben, Österreich hätte keinen Bevölkerungsrückgang.
Motorsport schützt die Umwelt. Ebenso wie der Wettlauf zum Mond zwischen den USA und den Sowjets den Grundstein dafür legte, dass wir heute anstatt des Rechenschiebers, des Fernschreibers und des Drehscheiben-Telefons mit Viertel-Anschluss das Iphone benutzen, bildet der Motorsport seit jeher die Basis praktisch aller automobilen Innovationen. Wie sämtlicher sicherheitsrelevanten Erfindungen – ohne Autorennen gäbe es vermutlich nicht einmal den Sicherheitsgurt – ist dem Langstreckensport auch zu verdanken, dass Autos seit Jahrzehnten immer sparsamer werden. Denn geht es darum, wie etwa bei Langstrecken-Klassiker Le Mans in 24 Stunden die längste Strecke zurückzulegen, zählt neben Höchstgeschwindigkeit und Standfestigkeit vor allem auch Wirtschaftlichkeit zu den Schlüsselfaktoren.
Aus dieser Perspektive betrachtet, ist die jüngste Entscheidung von Peugeot, mit sofortiger Wirkung das Prototypen-Motorsportprogramm zu beenden, nicht nur eine schlechte Nachricht für die neugegründete Langstrecken-Weltmeisterschaft, die als solche eine weitaus höhere umweltpolitische Daseinsberechtigung hat als etwa die ressourcenfressende Formel 1. Vielmehr verliert jeder einzelne Autofahrer, vom Sportwagenfreak bis hin zum überzeugten Hybrid- oder Elektroauto-Fahrer, eine weitere Hoffnung darauf, in absehbarer Zeit eine Lösung für WIRKLICH emissionsfreie und damit umweltfreundliche Mobilität zu einem leistbaren Preis zur Verfügung zu haben.
Als Autohersteller, der etwas auf sich hält, kann man es sich heutzutage moralisch nicht mehr leisten, sich nicht im Langstrecken-Motorsport zu engagieren und damit auf die wirksamste Suche nach Großserien-tauglichen Zukunftstechnologien zu verzichten.